Obsession
Aktualisiert: 17. Juni
★★★★★ (5/5)
(English review below)
Ich platze direkt damit heraus: Obsession ist für mich ganz großes Horror-Kino.
Die Performance von Inde Navarrette muss hier als erstes hervorgehoben werden. Sie ist herausragend und steht der von Toni Collette aus Hereditary in nichts nach und ist, rollenbedingt, sogar facettenreicher. Sie ist das stabilste Fundament, das sich dieser Film hätte wünschen können.
Die großartige Inszenierung der Horror-Sequenzen erschreckt und erschüttert mich wie selten ein Film zuvor. Ich bekomme mehrfach eine Gänsehaut. Das Spiel mit Licht und Schatten schickt mir kalte Schauer über den Rücken. Die extremen, psychotisch anmutenden Episoden und brutalen Gewaltausbrüche erschrecken mich bis ins Mark. Die unnatürlichen Bewegungen und die herausragend geschriebenen verbalen, sogar lyrischen (!) Eskalationen verstören mich nachhaltig. Das Ausmaß des gezeigten Missbrauchs lässt mich entsetzt zurück.
Ich möchte nicht zu viel verraten, aber den größten und nachhaltigsten Schrecken jagen mir die Szenen ein, in denen die wahre Nikki zum Vorschein kommt. Besonders eine Szene im Schlafzimmer, als sie eine erschütternde Bitte an Bear formuliert, hat mich richtig fertig gemacht. Ich fühle Wut, Mitleid, Angst und Entsetzen gleichzeitig.
Das Skript verschwendet keine Zeit mit unnötigen Erklärungen, fokussiert sich durchweg auf das Wesentliche und sorgt dadurch für ein perfektes Pacing. Nicht einmal schaue ich auf die Uhr, denn zu keinem Zeitpunkt bin ich nicht voll im Geschehen investiert. Der Film schafft es sogar, neben dem Schrecken hin und wieder lustig zu sein. Nicht ungewollt - will ich unterstellen – sondern, um dem Zuschauer mal eine kurze Sekunde der Auflockerung zu gönnen, bevor es wieder richtig unangenehm wird. Das ist ein großes Kompliment an die Writer. Die wenigen Jump Scares funktionieren. Weil sie sehr gut portioniert, platziert, umgesetzt und in die Handlung eingebunden sind.
Die kulturell-gesellschaftliche Kritik des Films umfasst offensichtlich toxische Beziehungen, Abhängigkeit und Missbrauch. Das ist zeitgemäß und mehr als angemessen. Und wahrscheinlich ist hierfür auch eine Triggerwarnung angebracht.
Ich lese zusätzlich einen deutlichen Appell aus diesem Film heraus, der auf den Alltag aller Menschen, in jeder Form von Beziehung, anwendbar ist: Hört auf, so konfliktscheu zu sein. Redet offen und ehrlich miteinander. Stellt euch Niederlagen. Denn wer jedem potenziellen Konflikt, jeder potenziellen Zurückweisung, aus dem Weg geht, immer den scheinbar einfachsten Weg wählt, schadet am Ende sich und seinem Umfeld.
Spoiler Alarm:
Bear ist nämlich aus meiner Sicht zu Beginn kein klassischer Bösewicht. Er ist unsicher, mutlos, naiv und konfliktscheu. Für sich genommen würde kaum jemand diese Eigenschaften als böse bezeichnen. Doch sein dadurch bedingtes Verhalten zu Beginn des Films und seine romantische Verklärung machen ihn zu dem widerlichen Antagonisten, den wir im Film zu sehen bekommen. Er bekommt früh im Film einen Wink mit dem Zaunpfahl. Einen Talismann, der Willenskraft verleihen soll. Aber er tut - nichts. Und spätestens ab hier weiß er, was er anrichtet.
Der wahre Schrecken des Films liegt darin, dass ein gewöhnlicher Jedermann zum Monster werden kann.
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I’ll come right out and say it: Obsession is, to me, great horror cinema.
Inde Navarrette's performance deserves to be highlighted first and foremost. She is outstanding and stands shoulder to shoulder with Toni Collette in Hereditary, perhaps even displaying a wider range simply because of the demands of the role. She is the strongest foundation this film could have hoped for.
The masterful staging of its horror sequences unsettled and shook me in a way few films ever have. I got goosebumps repeatedly. The interplay of light and shadow sent chills down my spine. The intense, seemingly psychotic episodes and brutal outbursts of violence terrified me to my core. The unnatural movements and the brilliantly written verbal – even lyrical (!) – escalations left me deeply disturbed. The extent of the abuse depicted left me horrified.
I don't want to reveal too much, but the scenes that haunted me the most were the ones in which the real Nikki emerges. One particular bedroom scene, in which she makes a devastating request to Bear, completely wrecked me. I felt anger, pity, fear, and horror all at once.
The script wastes no time on unnecessary explanations. It remains focused on what truly matters and, as a result, achieves perfect pacing. I never once checked the time because I was fully invested from beginning to end. The film even manages to be genuinely funny every now and then amidst all the terror. Not unintentionally, I would argue, but to give the audience a brief moment to breathe before things become deeply uncomfortable again. That's a huge compliment to the writers. The few jump scares work because they are carefully measured, perfectly placed, well executed, and organically woven into the narrative.
The film's socio-cultural critique quite obviously revolves around toxic relationships, dependency, and abuse. That feels timely and more than appropriate. And a trigger warning is probably warranted as well.
However, I also took away a much broader message from this film, one that applies to everyday life and every kind of relationship: Stop being so conflict-averse. Be open and honest with each other. Learn to face rejection and defeat. Because anyone who avoids every potential conflict and every possible rejection, always choosing what seems to be the easiest path, ultimately harms both themselves and the people around them.
Spoiler alert:
In my eyes, Bear is not a classic villain at the beginning of the film. He is insecure, timid, naive, and conflict-averse. Taken individually, hardly anyone would describe those traits as evil. Yet his resulting behaviour and his romantic idealisation turn him into the disgusting antagonist we eventually see on screen. Early in the film, he is given an unmistakable warning. A talisman meant to grant strength of will. But he does nothing. And from that point on, he knows exactly what damage he is causing.
The true horror of the film lies in the fact that an ordinary person can become a monster.




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